Der veruntreute Effizienzgewinn


Wir wollen immer weniger arbeiten, immer mehr Geld, immer mehr Freizeit?

Wo führt das hin? Das funktioniert so nicht.

These aus dem B2-Tagesgespräch

Die Behauptung „Das funkioniert nicht“ muss ja erstmal klar hergeleitet und begründet werden. Der vorherige Satz suggeriert nur etwas, aber betrachtet überhaupt nicht die reale Entwicklung und die Prinzipien der Industrialisierung.

Genaugenommen predigt und verspricht unser Wirtschaftssystem genau das was hier angezweifelt wird: Immer mehr, mehr, mehr. Wer behauptet „das funktioniert nicht“, würde in der Konsequenz auch unserem aktuellen Wirtschaftssystem eine kompromisslose Absage erteilen und müsste es in der Konsequenz sofort beenden und durch etwas ersetzen was „funktioniert“.

Aber sehen wir es uns doch mal etwas genauer an: Das Prinzip der Industrialisierung lautet Effizienzsteigerung. Alles ist stets darauf ausgerichtet, dass man diese Effizienzsteigerung stetig weiter treibt. Ja, große Wirtschaftszweige die selbst keinerlei Produktivität haben, verdienen ihr Geld allein damit, dass sie darauf wetten, welche Bereiche in Zukunft die schnellste und stärkste Effizienzsteigerung haben werden und welche hinter den Erwartungen zurück bleiben. Allein mit diesen Wetten verdienen einige Menschen extrem viel Geld. Wer viel Geld hat, muss tatsächlich immer weniger arbeiten, hat mehr Freizeit, aber bekommt stetig mehr Geld dazu, verdient also immer mehr. Zu behaupten, dass das nicht funktionieren würde, ist schlichtweg falsch. Es ist eine Lüge die gerne Reiche erzählen, die damit denen die nicht so viel haben erklären wollen, dass sie noch genügsamer sein müssen und noch mehr arbeiten müssen.

Die Wahrheit ist: Das Prinzip „mehr Freizeit, mehr Geld, weniger arbeiten“, funktioniert ausgezeichnet, aber eben niemals für alle. Denn das was die einen mehr verdienen und weniger arbeiten, müssen in unserem aktuellen System eben andere hereinwirtschaften und tun das auch fleißig. Und damit sie das auch weiterhin tun, sagt man ihnen, dass sie eben nicht mehr Geld haben können und dennoch mehr arbeiten müssen.

Nun kommt aber die Effizienzsteigerung keineswegs dahher, dass Menschen immer länger und härter arbeiten. Das trägt vergleichsweise wenig bei. Hart zu arbeiten, macht auch niemanden reich. Ein Manager der Millionen im Jahr verdient arbeitet eben nicht 100 oder 1000 mal so hart oder so lang, wie eine Pflegekraft, ein Lehrer oder ein Erzieher. Die wesentliche Grundlage für Verdienst ist Effizienz, und zwar genau die Facette von Effizienz die direkt monetär zu höheren Erlösen führt. Ein Großteil dieser Effizienzsteigerung spielt sich dabei im maschinellen Bereich ab.

Als Kind habe ich die Frage gestellt, ob wir dann alle irgendwann nicht mehr arbeiten müssen, wenn die Roboter unsere Arbeit machen. Der Gedanke ist schlau und eigentlich absolut korrekt und zielführend, wie ich heute weiß, wenn man die Effizienzsteigerung wirklich als gesamtgesellschaftliche Errungsschaft ansehen würde, die allen gleichermaßen gehört. Tut sie aber nicht. Mehr Effizienz wird von einer kleinen Gruppe der Leistungsempfänger (oft fälschlich als „Leistungsträger“ bezeichnet) abgesaugt und vereinnahmt. Der Arbeiter, der durch einen effizienteren Roboter ersetzt wird, bekommt sein Gehalt in Zukunft nicht weiter bezahlt, weil eine Maschine für ihn arbeitet, sondern er bekommt garnichts mehr weil er ja „nutzlos“ geworden ist.

Man erzählt gerne das Märchen, dass derjenige faul wäre, selbst schuld hätte und entledigt sich damit lästigen moralischen Bedenken. Tatsächlich könnten wir alle längst auf dem Niveau von vor 50 Jahren gut leben, fast ohne zu arbeiten, wenn man die Effizienzsteigerung dem Volk in der breiten Masse nicht vorenthalten hätte.

Und hinzu kommt, dass wir nicht auf dem Stand von vor 50 Jahren leben wollen, denn wir bekommen täglich vor Augen geführt, dass wir irgendetwas ganz dringend brauchen, das leider viel Geld kostet. Smartphone, Auto, Traumreise, Thermomix. Damit wird die Effizienzsteigerung zum Motor für eine der Todsünden genutzt und hält uns gleichzeitig in der Abhängigkeit nützlich bleiben zu müssen, damit wir nicht aufs Abstellgleis geschoben werden.

„Das funktioniert so nicht“, ist nur ein Euphemismus für: „Denk nicht mal dran, sonst kollabiert am Ende noch das System und der Status Quo bricht zusammen!“